Texte lesen, Xtras

Was ist die Quest?

Seit mehreren Jahren bin ich Jury-Mitglied beim Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen. Das ist der Schreibwettbewerb, der auch für mich so eine Art Eintrittskarte in die Welt des literarischen Schreibens war. In diesem Jahr durfte ich die Laudatio für die Preisträger*innen halten. Alle zwischen 16 und 25 Jahren. Und dafür habe ich mir die Frage gestellt:

„Warum schreibt man 2026 überhaupt noch literarische Texte – wenn es doch ChatGPT gibt und man nur eine knappe Anweisung geben muss, um einen fertigen Text zu erhalten?“

Meine Gedanken dazu könnt ihr hier lesen. Es ist eine verkürzte Version der Laudatio. Aber der Kern der Sache ist drin.

Viel Spaß beim Lesen!

Textperformance der Preisträger*innen-Texte durch das Jugendtheater „Die Schotte“.

Was ist die Quest?

Laudatio Junges Literaturforum Hessen-Thüringen 2026 (Auszug)

Warum schreibt man 2026 überhaupt noch Geschichten? Oder Gedichte? Wenn es doch ChatGPT gibt und man im Prinzip nur eine knappe Anweisung geben muss, um einen fertigen Text zu erhalten.

Als ich – vor mittlerweile erschreckend vielen Jahren – selbst noch in meinem Jugendzimmer gesessen und Kurzgeschichten in meinen alten Desktop-Rechner getippt habe, gab es das alles noch nicht.

Aber warum habe ich damals angefangen zu schreiben?

Das habe ich mich jetzt wieder gefragt. Die Antwort ist mir überraschend leicht gefallen: Um mich zurechtzufinden. Mich zurechtzufinden in der Welt. In meiner Hood. In meinem eigenen Kopfchaos.

Mit 17, 19, 22 Jahren hatte ich das Gefühl, unzählige lose Fäden in den Händen zu halten. Alles neue Anfänge, die in ungewisse Zukünfte führten. Alles neue Optionen, deren Wert ich nicht abschätzen konnte.

Was ich damals gemacht habe, war Folgendes:
Ich habe einfach wild drauf losgeschrieben.

Ohne lange nachzudenken alles aus mir rausgetippt, was da in mir aufflammte. Und am Ende wurde – auch zu meiner eigenen Überraschung – immer eine Geschichte daraus. Später habe ich den ganzen Text noch einmal gelesen und versucht zu verstehen, was ich mir da eigentlich erzählen wollte. Das war so mein Ding.

Kling konfus? Ist es vielleicht auch ein bisschen.

Aber dennoch habe ich das Gefühl, dass sich dieses Bedürfnis auch in den heutigen Texteinsendungen widerspiegelt. Auch hier wird schreibend die Welt, das Außen und das Innen erforscht, erkundet und beleuchtet. 

Da wird versucht, herauszufinden, was Freundschaft ist und was Liebe. Da wird rotzig die eigene Wut herausgeschmettert, auf die Eltern, auf den oder die Ex oder auch mal auf sich selbst. Da kommt die Furcht zum Vorschein, ein ganzes Konglomerat an kleinen, großen, lauten, leisen, aufwühlenden und lähmenden Ängsten, in einer Welt, an der es an allen Ecken und Enden zu brodeln und zu bersten scheint.

Wer selbst Texte schreibt, begibt sich auf einen Roadtrip durch einen undurchsichtigen Dschungel.

Schreiben heißt für mich, sich etwas zu nähern, sich voranzutasten, sich auszuprobieren. Etwas Ungewöhnliches ans Licht zu bringen, etwas Ungestümes zuzulassen und gedachte Grenzen zu sprengen. Gerade darin liegt die Kraft.

Künstliche Intelligenz kann viel und wird mit jedem Tag besser. Sie kann imitieren und kombinieren, sie kann recherchieren und überarbeiten und das alles in atemberaubender Geschwindigkeit.

Aber:
Künstliche Intelligenz hat keine eigene Dringlichkeit. Kein eigenes Chaos, das auf eine Seele drückt. Kein seltsames Gefühl im Bauch. Keine Zweifel. Keine Not, etwas zu riskieren.

Eigene Texte dagegen schon. Und genau das macht den Unterschied. Denn: Literarisches Schreiben ist kein Gegenmodell zur Gegenwart, es ist eine Form, in ihr zu bestehen.

Deshalb ist das Radikalste, was wir 2026 tun können: Einfach weiter zu schreiben.

Sich die Zeit zu nehmen, in sich selbst zu suchen. Auch wenn die Antworten nicht auf direktem Wege kommen. Das ist die Challenge. Das ist die Quest.

Gruppenfoto Preisverleihung Junges Literaturforum Hessen-Thüringen 2026

📷 Philipp Hort/Kulturstiftung Thüringen

Hier erfahrt ihr mehr zum Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen – auch wie ihr daran teilnehmen könnt.