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Simons Geheimnis

Er roch gelb. Lästig gelb. Nicht, dass er gestunken hätte, doch sein Geruch schob sich aufdringlich wie ein dünnes Stück Metalldraht in meine Nase. Er bemerkte nicht, dass ich ihm nicht mehr zuhörte. Er sprach laut und die Leute an den Nachbartischen konnten über seine Witze lachen. Ich floss auf meinem abwaschbaren Plastikstuhl in mich zusammen, rutschte von der gelben Sitzfläche auf das Kopfsteinpflaster und versuchte die Rillen zu füllen. Nach anderthalb Stunden war mein rechter Fuß eingeschlafen und meine Ohren fühlten sich taub an. Er kaute noch immer an seinen Muscheln, die er auf Französisch hatte bestellen wollen, aber da hatte ihn die Kellnerin dann nicht mehr verstanden. „Ich muss jetzt“, sagte ich und da war auch schon die Straßenbahn. Als ich vor unserem Haus stand, wurde es endlich Nacht. Bis dahin war es nur Abend gewesen. Ein sinnloser Abend.

Im Dunkeln fand ich das Schlüsselloch nicht gleich. Hinter der Tür hörte ich ihn schon. Er hatte Aida aufgelegt. Ich sog die Musik in mich ein wie einen Geruch, Simons Geruch. Das Wohnzimmer war hell erleuchtet und die Fenster weit geöffnet. „Bin da“, sagte ich zu Simon und blieb im Türrahmen stehen. „Hallo“, sagte er nur und nahm einen Schluck Saft. Ich wusste, dass er bei seinen Freunden fast immer nur Rotwein trank. Er mochte das tiefe, schwere Rot. Wenn er hier war, trank er Apfelsaft. „Diese Wohnung braucht nicht noch mehr Schwere“, hatte er mir einmal gesagt, als er noch hier wohnte.

Ich fand Simon schon immer zu melodramatisch. Wenn er früher mit halb offenen Augen auf dem Sofa saß und seinen Arien lauschte, dann sprang ich vor ihm auf den Tisch und mimte mit zwei Kissen unterm Nachthemd, die vollbusige Opern-Walküre. Er ließ sich dadurch jedoch meistens nicht beirren und blieb solange regungslos sitzen, bis ich die Geduld verlor und ihn mit meinen Kissen bewarf. Dann lächelte er, zog mich vom Tisch und drückte mich aufs Sofa. Man sah ihm nicht an, wie stark er war. Ich hätte wohl kaum eine Chance gegen ihn gehabt, wenn er in der Kniekehle nicht so furchtbar kitzelig gewesen wäre.

„Echte Helden dürfen einfach nicht kitzelig sein“, sagte ich einmal zu Simon, als wir nach einem unserer Kämpfe völlig außer Atem, nebeneinander auf der Couch lagen. „Was kann der Held dafür, wenn ihm das Lindenblatt auf die Kniekehle fällt?“, antwortete er und wir mussten beide lachen, weil wir uns ausmalten wie einer in einer Badewanne voll Drachenblut sitzen muss, damit ihm unbemerkt ein Lindenblatt in die Kniekehle fallen kann. Aber das war früher. Jetzt saß Simon hier auf dem Sofa, wo er immer gesessen hatte und war zu Besuch da.

„Na, wie war dein Rendezvous?“, fragte er trocken und führte sein Glas wieder zum Mund. „Ganz OK“, sagte ich, „er sieht wirklich nicht schlecht aus. Er hat gefragt, ob ich mal mit ihm ins Kino gehe.“ „Und gehste?“ „Mal sehen“, sagte ich und verschwand in meinem Zimmer, um mir mein Nachthemd anzuziehen, dann ging ich zurück zu Simon. Ich legte mich zu ihm auf das Sofa, meinen Kopf neben seinem Schoß, die nackten Beine lehnte ich nach oben an die Wand. „Du siehst hübscher aus, wenn du barfuss bist“, hatte er einmal zu mir gesagt. Von unten herauf betrachtete ich sein Profil. Er hatte etwas von einem Vogel, sehr schmale, filigrane Linien, seine Knochen stießen spitz und gebrechlich unter seiner Haut hervor. Es schien, als ob sie kein Gewicht hatten und schon mit der nächsten Windböe davonfliegen könnten.

Ich stand auf, um das Fenster zu schließen. Plötzlich erinnerte ich mich wieder an einen Traum, den ich einmal gehabt hatte. Ich sah Simons Kopf mit zwei Vogelschwingen, vor mir, die aus seinen Ohren wuchsen. Das war kurz bevor er nach Zürich gegangen war. Was er an Zürich fand, hatte ich nie begreifen können. Ich hätte ihn mir in Rom vorstellen können, in Verona oder Neapel, doch jetzt lebte er in dieser kalten Stadt in irgendeiner WG mit einem Mädchen, von dem er nichts erzählen wollte. Er schaute mir in die Augen und ich schaute weg. „Sie hat bestimmt lockige, lange Haare“, sagte ich und schaute aus dem Fenster. „Wer?“, fragte Simon. „Na das Mädchen aus deiner WG.“ „Ach, sie hat gar nix“, antwortete er genervt. „Glatze etwa?“, fragte ich. Simon antwortete nicht. Ich wusste, dass ich ihn nicht nach dem Mädchen aus seiner WG fragen durfte. Ich ärgerte mich. Wir hatten uns so lange nicht gesehen und jetzt war er stumm und starrte vor sich hin.

Ich ging zurück zur Couch, setzte mich und zog die Beine an. Simon wollte noch immer nichts sagen. Vorsichtig fuhr ich ihm mit meinen Zehenspitzen über seine Knie. „Noch Apfelsaft?“ Er schüttelte den Kopf. „Wieso bist du heute Abend weggegangen“, fragte er, „du wusstest doch, dass ich komme“. Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Schweigend zog ich mir das Nachthemd über die Knie und legte meinen Kopf darauf. „Schon gut“, sagte Simon und streichelte mir meinen Nacken, dass ich Gänsehaut bekam. Aida hatte, ohne dass wir es bemerkt hatten zu Ende gespielt. In die Stille hinein wurde die Wohnungstür aufgeschlossen. Simon zog seine Hand zurück. „Wir sind’s“, hörte ich und Schlüsselgeklimper. Ich setzte mich gerade hin. Im Flur legten unsere Eltern ihre Mäntel ab.