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Die Fischschwester

Da stand sie. Groß, verschwommen, ernst. In der Zeit, in der ich weg gewesen war, war sie mit dem halben Körper zum Fisch geworden, einer umgekehrten Nixe. Dort wo Seejungfern ihren Schwanz hatten, waren ihr lange, dünne Beine gewachsen auf denen ein ungelenker Fischrumpf saß. Sie sah mich mit gallertartigen Blick an. Das war also meine Schwester. Sie gab mir einen Kuss auf die Wange, den ich seltsam trocken spürte, dann verschwand sie auf ihr Zimmer. Ich begann meine Sachen auszupacken. Was hatte ich an diesem Koffer zu schleppen gehabt. Ich hatte ihn die ganze Park Road heruntergetragen, durch die Unterführung durch, dann die Main Street hinunter bis zur Central Bus Station von wo der Bus zum Flughafen abfuhr.

Der Inhalt meines Koffers bestand hauptsächlich aus Kleidung und Papier. Ich hatte die Angewohnheit stapelweise Zettelchen um mich anzusammeln. Briefe, Ausrisse aus Zeitungen, Kassenzettel, Eintrittskarten, Notizblöcke. Ich konnte mich von keinem Stück trennen. Nicht, dass mir eines dieser Papierchen besonders viel bedeutet hätte, es war vielmehr die Sammlung als Ganzes. Das hier war mein Jahr, ein guter Stapel, den ich vielleicht nie wieder anrühren würde. Doch es war mir beruhigend zu Wissen, dass mir nichts verloren gehen konnte, dass alles noch irgendwie bestand, obwohl es lange vorbei war.

Meine Mutter rief zum Essen, es gab Fisch. Klar, dass meine Schwester nichts davon aß. Während wir am Tisch saßen, unterrichte mich meine Mutter über die neusten Dinge im Dorf. Ich begann ein Lied zu summen, es war das Lied, das sie immer in dem Café mit den großen Ohrensesseln gespielt hatten. Ich hatte es auf CD und beschloss es den beiden vorzuspielen. Meine Mutter sagte nur, es sei schön. Meine Schwester kaute. Sie kaute sehr lange. Da saß sie als halber Fisch über ihren Kartoffeln und als sie fertig war, stand sie auf und bot sich an, den Abwasch zu machen. Ich beobachtet meine Schwester, wie sie mit dem Rücken zu mir vor der Spüle stand. Ganz leicht bewegte sie sich zu der Musik, die immer noch aus dem Player lief. Ich hörte sie im Wasser herumplätschern, versunken in das Reinigen der Mittagsteller.

Ich ging leise nach oben, betrachtete die Bilder im Flur, auf denen meine Schwester noch keine umgekehrte Nixe war. Auf einem Foto standen wir vor unserem alten, malvefarbenen Küchenschrank. Ich hatte den Arm auf ihre Schulter gelegt, sie die Hand auf meine Hüfte. Ich ging näher heran. Zwischen ihren Fingern waren schon die Ansätze kleiner Schwimmhäute zu erkennen. Damals hatte es also schon angefangen.

Ich lief zum Zimmer meiner Schwester. Vorsichtig öffnete ich die Tür und war verblüfft. Von der Decke hingen lange, bräunliche Wasserpflanzen, die sich mit leichten, schwingenden Bewegungen hin und her wiegten: Der Tauri-Wald. Ich hatte einmal eine Dokumentation über den Tauri-Unterwasserwald im Fernsehen gesehen, jetzt hatte ihn sich meine Schwester in ihr Zimmer geholt.

Behutsam schob ich die Pflanzenstränge mit den Armen beiseite, bis ich ihr Bett und ihren Schreibtisch erblicken konnte, auf dem ein neues Foto stand. Ich ging, um mir das Bild näher anzusehen. „Was machst du hier?“, hörte ich plötzlich eine Stimme hinter mir und es war eindeutig die Stimme meiner Schwester. Ich drehte mich um: „Deine Stimme ist noch wie immer“, sagte ich und hörte mich selbst reden. Ich hatte die Stimme meiner Schwester oder sie die meine. Früher hatte man uns am Telefon nie auseinander halten können. „Würdest du jetzt bitte rausgehen, ich will mich umziehen“, sagte meine Schwester mit unserer Stimme zu mir. Langsam bahnte ich mir den Weg durch die Schlingpflanzen. Ich hätte sie gern gesehen, gern erblickt, wie die Stelle aussah, an der ihre Menschbeine mit dem Fischrumpf verschmolzen waren, doch zu schnell verschwand sie hinter ihrer Schranktür, einer aufgeklappten Koralle.