Langsam ging es mir auf die Nerven, das mit den Insider-Clubs. Man fuhr kilometerweit auf Fabrikgelände, traf sich in alten Bäckerläden oder in halbzerfallenen Hinterhofschuppen. Jetzt gab es schon wieder etwas Neues: Das DDD, das DeepDeepDown, eine Bar direkt in der Kanalisation. Ich hatte mich mit einem Freund dort verabredet. Peter hatte mir genau aufgeschrieben, wo der Gully war, an dem ich einsteigen musste. Er bekam immer alles heraus, kannte stets die angesagtesten Clubs, denn Peter war Journalist.
Nun stand ich in besagtem Abflusskanal und wusste nicht weiter. Ich hatte den Plan vergessen, den mir Peter gezeichnet hatte. Plötzlich wurde der Gully über mir aufgeschoben und ein Mann in einem dunkelblauen Tweedanzug kletterte die verrostete Eisenleiter zu mir herunter. Er trug einen braunen Aktenkoffer bei sich. „Wollen Sie auch zum DDD?“, fragte er mich. Ich nickte. „Na dann kommen Sie einfach mit mir mit.“ Ich folgte dem Anzugmann durch ein Gewirr von Gängen. Es war gar nicht so leicht, seinem Schritt mitzuhalten. Der Boden war sehr uneben. „Jetzt sind wir gleich da“, sagte der Mann nachdem wir etwa zwanzig Minuten durch die Dunkelheit gelaufen waren. Tatsächlich: hinter der nächsten Biegung lag eine Tür über der mir drei große Ds entgegenblinkten. Drinnen sah es aus, wie in einer Vorstadtkneipe. Es gab ganz gewöhnliche große Holztische, einen Spielautomaten und einen ganz normalen Wirt. Ich war enttäuscht. Dafür musste man nun quer durch die Kanalisation irren?
Peter schien noch nicht da zu sein. „Möchten Sie mit an die Bar kommen?“, fragte mich der Mann im Tweedanzug. Ich nickte und folgte ihm zum Tresen. Irgendetwas stimmte mit seinem Kopf nicht. Er war überdimensional groß, kahl und rund wie ein Fußball. Im Schein der Tresenlampe entdeckte ich dunkle Male auf seiner Haut. ‚Ein wenig wie bei Gorbatschow’, dachte ich mir. Wir setzen uns auf zwei freie Barhocker und der Mann zündete sich eine Pfeife an. „Na, haben Sie mich erkannt?“, fragte er mich. Ich schaute ihn ratlos an. Woher sollte ich ihn kennen? „Warten Sie, ich gebe Ihnen eine kleine Hilfestellung“, sagte er und öffnete seinen Koffer. Er holte einen dunkelblauen Hut hervor und setzte ihn auf. Vorn auf dem Hut waren zwei weiße, übereinanderstehende Ms aufgedruckt. Ich schaute ihn an, blinzelte. Er war doch nicht etwa... „Sie sind doch nicht etwa das...das Messemännchen?“, fragte ich. „Ganz genau das bin ich“, antwortete der Mann lächelnd.
„Das ist ja eine Überraschung, dass ich Sie hier treffe“, rief ich. „Ja, wir sind alle hier“, sagte der Messemann, „da drüben zum Beispiel, das ist der Rolf von der Post, der damals die fünfstelligen Postleitzahlen eingeführt hat.“ Er zeigte auf eine große gelbe Plüschhand, die gerade vom Klo kam. „Und der, der da zur Tür reinkommt, das ist Bernie, der Fußballhase. Aber fragen Sie mich jetzt bitte nicht von welcher Meisterschaft. Hier kommen immer so viele Sportmaskottchen.“ Ich schaute mich um. Etwas versteckt, in den Ecken und Nischen des Lokals, saßen sie schweigend vor ihren Drinks: Bären, Tiger, Haie, Hummeln, Hühner. Alle waren sie mannsgroß und aus Plüsch. „Jeden letzten Mittwoch im Monat machen wir hier Maskottchenmittwoch. Für Ehemalige“, erklärte mir der Messemann.
‚Diesmal hat mich Peter in eine wirklich abgefahrene Bar bestellt’, dachte ich mir. Es war nur seltsam, dass er selbst immer noch nicht da war. Ich schaute wieder zum Messemännchen. „Ich glaube meine Verabredung hat mich vergessen“, sagte ich zu ihm. „Tja“, sagte der Messemann, „das passiert uns leider allen einmal“. Er seufzte. „Schauen Sie sich um, die meisten von uns hier sind arbeitslos. Rolf hat es zum Beispiel, nachdem er von der Post abgesetzt wurde, als Schauspieler versucht. Am Theater. Aber Hamlet sieht nun einmal nicht aus wie eine Hand.“
Plötzlich wurde es laut in der Bar. Der Post-Rolf hatte versucht einer Kellnerin einen Klaps auf den Hintern zu geben und war dabei vorn über gekippt. „Fünf ist Trümpf“, schrie er lallend, während ihn einige Maskottchen-Kollegen vom Tisch wegzerrten. „Seitdem er nicht mehr in der Werbung läuft, klappt das mit den Frauen natürlich auch nicht mehr.“ Der Messemann seufzte wieder. Ich versuchte ihn aufzumuntern: „Aber Ihnen, Ihnen scheint es doch ganz gut zu gehen, Sie sehen doch ganz zufrieden aus“, meinte ich. „Naja, ich kann ja meinen Gesichtsausdruck auch nicht ändern.“ Tröstend tätschelte ich seine Schulter. Er blickte nach unten auf seine Knie. „Ach, machen Sie sich um mich keine Sorgen. Ich lese sehr viel Nietzsche, das hilft.“
Ich lud den Messemann auf den nächsten Drink ein. Kaum, dass die Gläser vor uns standen, holte der Wirt einen Gong unter dem Tresen hervor. Er schlug einmal kräftig darauf und rief laut: „Jungs, die letzte Bahn!“ Der Messemann trank sein Glas in einen Schluck aus. Dann griff er nach seinem Koffer. „Ich muss jetzt leider los, aber hier haben Sie meine Karte. Vielleicht wollen Sie ja mal eine kleine Reportage über mich schreiben.“ Ich verstand nicht, was er damit meinte, aber er war so schnell verschwunden, dass ich keine Zeit mehr fand, ihn danach zu fragen. Auch die anderen Maskottchen standen von ihren Tischen auf und gingen. Innerhalb von wenigen Minuten war die ganze Kneipe leer.
Ich schaute auf die Uhr. Kurz nach zwölf. Ich hatte jetzt wirklich lange genug auf Peter gewartet. Wenn ich jetzt loslief, konnte ich die letzte Bahn vielleicht auch noch schaffen. Plötzlich kam Rolf aus dem Klo. Er wankte zu mir an die Bar. „Und Sie sind also Journalistin?“, fragte er lallend. Ich wollte ihm verneinen, aber der Wirt schlug wieder auf seinen Gong. „Die Bahn, Rolf“, rief er laut. Ohne ein weiteres Wort drehte Rolf sich um und verließ die Bar. Ein komischer Schuppen war das hier. Ich zahlte und ging. Missmutig suchte ich den Weg durch die Kanalisation.
Mit einem Mal hörte ich Stimmen. Ich erkannte die Silhouetten von Rolf und dem Messemännchen. „Ich glaube, das wäre geritzt. Die Kleine hat sich total um den Finger wickeln lassen. Ich wette, gleich morgen ruft die an und will ne Story über mich machen“, hörte ich den Messemann. „Und der Typ vom Fernsehen kommt dann nächsten Mittwoch?“, fragte Rolf während er die rostige Eisenleiter nach oben kletterte. „Ja, und das gibt jede Menge Publicitiy, Rolf, das bringt uns wieder ganz nach oben“, sagte der Messemann. Dann waren die beiden schon nach draußen verschwunden.
Ich blieb noch einen Moment unten, denn ich wollte nicht, dass die beiden mich sahen. Plötzlich piepte mein Handy. Auf dem Display leuchtete eine Nachricht von Peter, er schrieb, dass er dringend noch mal in die Redaktion gemusst hätte. Und ob er den etwas verpasst habe, im DDD. „Rein gar nichts.“, schrieb ich ihm zurück. Dann streckte ich die Arme aus, kletterte ganz nach oben und stieg aus dem Gully.